Donnerstag, 25. März 2010

Zwei Schweine und ein Halleluja

Hallo zusammen aus dem mal mehr mal weniger fernen Osten,

heute gibt es das versprochene Update aus dem Schweine-OP. An dieser Stelle seien alle Leser schwachen Gemüts (und vor allem alle Nichtmediziner) gewarnt - der Inhalt des folgenden Beitrag ist ausdrücklich nicht tierfreundlich und enthält zudem detaillierte Infos über die erfolgten OPs.

Nun aber zurück zu den Schweinen. Kurz nach meiner Ankunft hier vor 5 Wochen wurde mir eröffnet, ich hätte die einmalige Gelegenheit, an einem "Live Animal Training" mitzumachen. Den genauen Inhalt des Seminars kannte ich damals noch nicht, Respekt flößte mir das Ganze aber von Beginn an ein. Nun gut dachte ich mir, besser am Tier üben als am Mensch, also Augen auf und durch.

So kam es, dass ich Montag und Donnerstag vergangener Woche im Forschungslabor der Uni im Schweine-OP stand, insgesamt waren wir 10 Studenten und 2 Mini-Schweine (Mexican Hairless). Die Schweine wurden zunächst mit Diazepam schlafen gelegt, dann intubiert, beatmet und auf den OP-Tisch gelagert. Da ein Schweinerücken natürlich spitzer ist als ein Menschenrücken, war der Tisch in der Mitte geteilt, so dass man die beiden Hälften separat schräg stellen konnte. War das Schwein gelagert, wurde der OP-Bereich (also im Grunde der ganze Bauch) steril gewaschen, wir haben uns natürlich auch alle steril mit OP-Kleidung eingedeckt und dann ging's los. An jedem Tisch waren zusätzlich zu Schwein und Studenten noch 1-2 Chirurgen vertreten, die uns während der OP unterstützten und anleiteten.

Am Montag öffneten wir die Bauchhöhle, schnitten die Magenwand an verschiedenen Stellen ein und nähten diese Stellen anschließend wieder zu. Für mich war das eine wirklich gute Übung, da ich bisher nur an Haut (oder Schaumstoff) genäht hatte und nicht an weniger gut zugänglichen Stellen. Für diesen Tag war die OP damit auch schon wieder vorbei, was sich hier allerdings kurz anhört dauerte in Wirklichkeit von 9-18 Uhr. Für einen Näh-Anfänger sind z.B. 25 cm Hautschnitt extrem lang, und wenn dann auch noch in mehreren Lagen genäht wird und man vom Professor eins auf die Finger kriegt wenn man Mist baut dauert das schon mal Stunden...

Außer der Position des Operateurs + Assistent wurden von uns auch alle anderen Positionen ausgefüllt, d.h. wir wechselten uns als Anästhesie, OP-Schwester (reicht dem Chirurg die Instrumente an) und Springer (Person die nicht in steriler Kleidung ist und Gegenstände aus den Schränken anreicht) gegenseitig ab. Das bedeutete aber auch jede Menge Vokabelpaukerei im Vorhinein, da die Instrumente natürlich alle auf Japanisch gefordert und angereicht wurden.
Jetzt weiß ich zum Beispiel, dass ein "Chobera" ein langes Stück Metall ist, mit dem man beim Nähen die Organe unter der Naht weghalten kann, so dass man mit der Nadel nicht versehentlich die Eingeweide verletzt - wie das Ding aber auf Deutsch heißt kann ich leider nicht sagen :)

Nun kommt der unangenehme Teil des Seminars, der mir so auch nicht klar war: wir ließen unsere Schweine aus der Narkose wieder aufwachen, versorgten sie zwar mit jeder Menge Schmerzmittel, ließen sie aber ansonsten in ihren kleinen Käfigen bis Donnerstag leben. Eins der beiden (zu meiner Verteidigung: nicht mein Team) zitterte sich durch die 3 Tage, auch noch nachdem es eine zusätzliche Heizung neben den Käfig gestellt bekommen hatte.

Am Donnerstag dann begann die Prozedur von neuem, diesmal durfte ich sogar unseren Patienten intubieren, was unter der fachkundigen Anleitung des Tierpflegers auf Japanisch erstaunlich gut gelang. Dann wurde der Schnitt vom Montag wieder geöffnet, und wir sollten reflektieren, wie unser OP-Ergebnis 3 Tage post-OP aussah. Bei uns waren keine Veränderungen zu sehen, bei der anderen Gruppe allerdings waren tatsächlich hochgradige Adhäsionen im gesamten Bauchraum erkennbar, die am Montag noch nicht dagewesen waren. Es war wirklich spannend zu sehen, das Schwein will ich aber nicht gewesen sein.

Dann durfte ich mit einer dänischen Kommilitonin zusammen den Magen rausoperieren, natürlich unter der Anleitung eines erfahrenen Chirurgen. Auch hier war es wieder gut, dass wir das Ganze "nur" an einem Schwein durchführten, denn der Blutverlust war leider größer als bei der durchschnittlichen Gastrektomie. Im Anschluss übernahmen unsere japanischen studentischen Kollegen und entfernten Nieren + Gallenblase, dann wurde der Thorax geöffnet. Das schlagende Herz in der Hand zu halten war einer der beeindruckendsten Momente dieser Tage. Dann wurde die Narkose auf so tief wie möglich eingestellt und Kaliumchlorid in die Vene eingeleitet, worauf das Herz aufhörte zu schlagen. Reihum führten wir nun für jeweils 1-2 Minuten mit einer Hand eine Herzdruckmassage durch, bevor ein kurzes Gebet gesprochen und dem Schwein gedankt wurde. Dann wurde aufgeräumt...

Alle teilnehmenden Studenten, egal ob japanisch oder dänisch, waren genauso beeindruckt wie ich, und wussten diese einmalige Chance sehr zu schätzen. Dass so etwas in Deutschland nicht möglich wäre ist mir genauso klar wie die Tatsache, dass ich in diesem Seminar sehr viel gelernt habe. Ob die Japaner vielleicht bald Simulatoren entwickeln, die solch eine OP genauso plastisch darstellen wie ein realer Patient? Zuzutrauen wäre es ihnen, und den Schweinen würde ich es wünschen!

Liebe Grüße,

Beate

P.S.: noch zu dem Halleluja: offensichtlich geht der Großteil der Japaner davon aus, dass Halleluja ein ursprünglich japanischer Begriff ist, der Freude über Gutes Wetter ausdrückt. Das kommt daher, dass "Halelu" übersetzt "aufklären/aufheitern" heißt, wenn man dann noch ein "ja" dahinter setzt, wird es zum Ausruf "Oh, es klart auf!" bzw. frei übersetzt "Wie schön, es ist gutes Wetter".

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